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Chris Letcher
"Frieze"
VÖ 15.06.2007

Herr Letcher, Sie sind in Südafrika geboren worden und aufgewachsen. Was haben Sie für Erfahrungen gemacht?

Chris: Ich wurde in Johannesburg geboren und wuchs ganz in der Nähe auf, in einem kleinen Ort namens Grahamstown. Die 70er und 80er Jahre waren die schlimmste Zeit der Apartheid in der Geschichte Südafrikas. Sie war geprägt von Angst und Unterdrückung, denn wir lebten in einer militärischen Gesellschaft.
Ich studierte Musik und Journalismus ebenfalls in Grahamstown. Es ist die kleinste Universitätsstadt in Südafrika. Ich arbeitete bei der Zeitung der Uni als Autor. Wir waren links-liberal orientiert. Wir haben unser Möglichstes getan. Sachen, die gegen die Regierung waren, wurden immer mal wieder rezensiert. Wir haben es immer wieder versucht, aber oft wurden unsere Artikel einfach aus der Zeitung gestrichen. Alle waren damals ein bisschen paranoid. Alle hatten Angst, dass ihr Telefon abgehört werden würde und man ihre Aktivitäten beobachtete. Mich hat so was Gott sein Dank nie betroffen.

Doch das Ende der Apartheid war gerade eingeläutet worden und wir diskutierten darüber und dachten sehr viel nach, wie man eine neue demokratische Gesellschaft entwickeln könnte. Das alles passierte zur selben Zeit als die weißen jungen Männer noch ins Militär eingezogen wurden, um für die rassistische Regierung zu kämpfen. Wir gehörten zu einer Organisation, die Kampagnen gegen diese Zustände führten. Wir wurden von einer so genannten Sicherheitsorganisation ausspioniert, unser Haus wurde mehrmals gegen vier Uhr morgens einer Razzia unterzogen, Leute wurden verhaftet und gefoltert
In Westeuropa haben die Leute keine Ahnung wie das ist. Hier gibt es ein paar Parteien, die mehr oder weniger ähnlich sind. In Südafrika herrschten damals politisch gesehen heiße und dynamische Zeiten. Alles begann sich zu verändern. Trotz alledem kann ich nicht wirklich behaupten, dass ich selbst eine schlimme Zeit hatte. Meine Situation war eine total andere, ich habe von meinen Eltern völlig andere Ideen vermittelt bekommen, als die meisten anderen damals.

Wurden auch Sie als Kind von einem Chauffeur zur Schule gefahren, wie man es in Berichten zu hören und sehen bekommt?

Chris: Diese Maßnahme begann in den besser gestellten Vierteln erst als die Kriminalität zunahm. Ich denke, wenn man aus einer privilegierten Gesellschaftsschicht kommt, dann ist man wesentlich verletzlicher. Ich hatte solche Probleme nie.

Ich habe gehört, dass es immer mehr reiche Schwarze und immer mehr arme Weiße gibt. Ist das wirklich so?

Chris: Das ist in gewisser Weise richtig, doch so einfach kann man das nicht sagen. Es gibt inzwischen eine wesentlich umfangreichere Mittelklasse unter den Schwarzen. Aber die wirklich arme Bevölkerung hat sich in den letzten 15 Jahren keinen Deut verändert. Die Regierung ist in einer schwierigen Situation. Vermutlich hätte sie wesentlich mehr für die Menschen tun müssen, die unter großer Armut leiden. Auf der anderen Seite muss sie sich um Investoren kümmern, die Geld ins Land bringen, damit es dem Land wirtschaftlich besser geht. Überall gibt es Probleme und Armut ebenso. Trotzdem, Südafrika ist ein viel besseres Land geworden, als es noch vor 15 Jahren war.

Wenn Sie die Macht hätten, was würden Sie in Ihrem Land verändern?

Chris: Vor allem die Kriminalität müsste eingedämmt werden. Es gibt so viele Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes Nichts haben. Auf der anderen Seite sind die Superreichen. Dieses Ungleichgewicht ist das Übel, das zu kriminellen Handlungen und Organisationen führt. Wenn man die Kluft zwischen den Wohlhabenden und den ganz Armen verringern könnte, dann würde sich in diesem Land sehr viel tun.

War das der Grund weshalb Sie Ihre Heimat verlassen haben?

Chris: Das war nicht der Grund. Ich wollte weiter Musik studieren und den „Masters Degree” in konzeptueller Musikkomposition machen. Ich kam nach England um am „Trinity College“ in London zu studieren. Vorher hatte ich ein Jahr lang gearbeitet, um das Studium finanzieren zu können. Den Master in Komposition habe ich jetzt und vor ungefähr 1 ½ Jahren begann ich mit dem Doktor (doctred) für Filmmusik-Komposition. Ich schreibe über die neue Filmmusik in Südafrika nach der Apartheid. Ich habe inzwischen Musik für einige Dokumentationen geschrieben, unter anderem für den Discovery Channell. Auch hab ich für einen Filmstudio in Koppenhagen komponiert, was ein sehr schönes Projekt war.
Ich bin nun schon seit ein paar Jahren hier und  das war es Zeit, eine Band zu gründen. Wir arbeiten schon eine ganze Weile an dem Album, das jetzt in Europa erscheinen wird. London ist im Moment für Musiker ein sehr guter Ort. In Südafrika ist man ein bisschen vom Rest der Welt abgeschottet. Es ist für mich und die Band auf alle Fälle besser in London zu sein.

Wie gestaltet sich denn die Musikszene in Südafrika? Gibt es auch englischsprachige Musik aus anderen Ländern?

Chris: Sicherlich wird in meiner Heimat internationale Musik im Radio gespielt und es touren internationale Bands. Ich lebe seit sechs Jahren in London, aber wir sind immer wieder mal in Südafrika. Im März waren wir dort auf Tour und es war ziemlich interessant zu sehen, dass unser Publikum gemischter war, als je zuvor.
Ich kann zwar nicht behaupten, dass ich im Moment viele Kontakte mit der dortigen Musikszene habe, doch ich hab den Eindruck, sie ist sehr stark. Was mir allerdings beim letzten Aufenthalt auffiel, alles ist immer noch getrennt voneinander, auch noch nach 14 Jahren, nachdem die demokratische Regierung alles übernommen hat. Es ist immer noch ein großer Unterschied zwischen schwarzer und weißer Musik, auch wenn es unzählige Bands gibt. Nur leider ist dort die Musikindustrie sehr klein.

Haben Sie bereits in Südafrika als Komponist für Filmmusik gearbeitet?

Chris: Ich hatte auch dort schon für mehrere kleine Filme komponiert. Und eine Band hatte ich ebenfalls, mit der ich live auftrat. Sie hieß „Urband Creeps“. Wir machten sogar ein paar Alben. Mit einem anderen Musiker namens Andrew van der Want, veröffentlichte ich immerhin zwei Platten und wir waren vor allem sehr viel auf Tour. Das war mit einer der Gründe, weshalb ich nach London kam. Ich hatte das Gefühl, dass ich musikalisch in Südafrika das Möglichste getan hatte. Ich wollte wachsen und ich wollte mich entwickeln.

Hatten Sie Musik und Bands, die sie über die Jahre inspiriert haben?

Chris: Oh, da gibt es vieles, das mich interessiert und beeinflusst hat! Zum Beispiel der südafrikanische Pianist und Komponist Abdullah Ibrahim, aber auch europäische und amerikanische Song-Writer wie Lou Reed, sogar Bruce Springsteen. Mich interessiert eigentlich alles!

Woher kommen die anderen Mitglieder aus Ihrer Band?

Chris: Wir alle wohnen im Moment in London. Zwei von uns, Andrew Joseph und ich, kommen aus Südafrika. Die anderen sind aus den verschiedensten Teilen Englands. Mit dem Schlagzeuger spiele ich seit ungefähr vier Jahren zusammen. Es hat eine Weile gedauert, die anderen zu finden. Wir haben uns über Freunde und deren Freunde getroffen. Man könnte sagen, es gibt eine kleine Kommune von Musikern, zu der wir gehören. Zum Beispiel hat unsere Sängerin, Victoria Hume, ihre eigene Band. Sie schreibt ihre eigenen Songs und wir alle spielen auch in ihrer Band, so wie sie in unserer spielt. Es ist eine beschauliche kleine Gemeinschaft, die über die Jahre zusammengefunden hat.

Was geht Ihnen leichter von der Hand, Filmmusik oder das Schreiben von Songs?

Chris: Während wir am Album bastelten, fühlte es sich überhaupt nicht wie Arbeit an. Wir hatten die Musik und mussten es sozusagen beenden. Filmmusik zu komponieren fällt mir genauso leicht, doch es hängt ein bisschen mehr vom Projekt, dem Produzenten oder Regisseur ab, mit dem man es zu tun hat. Wenn ich mich für das ein oder andere entscheiden müsste, würde ich mich sicherlich für das Song Writing gegenüber der Filmmusik entscheiden. Ich liebe es zu sehr auf der Bühne zu stehen und mit der Band vor Publikum zu spielen. Auch macht es einfach viel mehr Spaß mit der Band unterwegs zu sein. Das ist meine große Liebe, das befriedigt mich am allermeisten. Es ist großartig mit anderen Musikern zusammen zu arbeiten, sie zu respektieren und ihre musikalischen Ideen zu teilen, einfach ein Teil des Ganzen zu sein.

Macht es Ihnen nicht auch Spaß Filmmusik zu komponieren?

Die Band habe ich erstmal auch, um ein zweites Standbein zu haben, obwohl ich mit jedem Film besser werde. Weder das eine noch das andere wäre zu dieser Zeit ein Kompromiss. Ich mag es mit anderen zu kollaborieren und es ist genauso spannend, wenn es um einen Film geht.

Haben Sie mal an Ihre Zukunft gedacht und dass es mit zunehmendem Alter nicht mehr so vergnüglich ist, sich mit der Band die Nächte um die Ohren zu schlagen und im Tourbus zu reisen?

Chris: Vielleicht wird es beschwerlicher wenn man in seinen 60ern ist. Aber die Rolling Stones sind das beste Beispiel. Auch dann kann es noch fantastisch sein.

Wenn Sie einen Song machen, verwenden Sie Geräusche. Woher kam diese Idee?

Chris: Die Filmmusik hat mich dazu inspiriert. Jeder Song ist anders. Da ist „robotic soldiers“. Die Atmosphäre darin kommt durch die Geräusche, die ich in den Strassen von Johannesburg vor ungefähr einem Jahr mit einem tragbaren digitalen Recorder aufgenommen habe. Eigentlich war es für ein anderes Projekt gedacht, aber dann hab ich mich entschlossen die Sounds in einem Song zu verwenden. Ich habe den Stadtlärm in den Computer eingespeist und daraus Melodiöses gemacht. In einem anderen Song habe ich eine Herz-Lungenmaschine verwendet. Diese Maschinen werden eingesetzt, wenn jemand auf eine Transplantation wartet und künstlich beatmet werden muss. Der Song heißt „I was awake“. Die Beats und die elektronischen Geräusche kommen von dieser Maschine. Erzählt wird aus der Perspektive des Patienten, der seltsame Visionen hat, während er da liegt und wartet. Ich verwende musikalische und atmosphärische Sounds gleichermaßen. Es interessiert mich beides zu vermischen. Die strikte Trennung lehne ich ab. Die Grenzen zwischen Lärm und Musik liegen sehr nahe beieinander. Das habe ich vermutlich von der Filmmusik gelernt, in der man immer beides in die Komposition mit einfließen lassen muss.

Worüber geht es noch in Ihren Songs?

Chris: In „Special Agent“ geht es zum Beispiel um einen Künstler auf der Bühne, der versucht die Realität und seine Fantasie zu verstehen, sich selbst zu reflektieren. Es ist vielleicht sogar ein Lied über Beziehung. Ich mag es, wenn die Songs nicht so leicht zu interpretieren sind und ein offenes Ende haben, so dass sich jeder selber was ausdenken kann.

Ihr Album wird als Avantgarde Musik bezeichnet. Wie würden Sie selbst es nennen?

Chris: Ich versuche möglichst wenig Klischees zu verwenden. Vermutlich sind jede Menge avantgardistischer Ideen in meiner Musik. Wie schon gesagt, ich denke, ich habe durch die Filmkompositionen sehr viel gelernt und möchte einfach interessante und spannende Musik machen. Ich hoffe, dass unser Album für niemanden langweilig wird und dass es immer und immer wieder gehört werden wird.

Stört es Sie, dass Sie mit Conor Oberst von Bright Eyes verglichen werden?

Chris: Oh wow! Ich kenne nur ein paar Songs von ihm. Vermutlich kommt das durch unsere vergleichbaren Stimmen, doch ich bin mir nicht sicher. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass wir beide auf sehr unkonventionelle Weise unsere Songs schreiben. („...Confession“ revealing ...). Wie auch immer, das stört mich ganz und gar nicht.

Wen würden Sie denn gerne wenigstens ein Mal in Ihrem Leben treffen wollen?

Chris: Die Künstler, die ich zurzeit gerne anhöre und sehr respektiere. Die würde ich gerne treffen, um mich mit ihnen über Musik unterhalten. Das ist zum Beispiel Johanna Newton, die ich sehr mag, oder Sufjan Stevens.

Was würden Sie gerne wenigstens einmal in Ihrem Leben machen?

Chris: Wir, die Band, hatten in letzter Zeit sehr viel Gelegenheit um sehr viel zu reisen und vieles zu sehen. Das ist wirklich aufregend. Ich möchte einfach noch viel mehr in alle Teile dieser Welt reisen. Das wäre phantastisch!

Möchten Sie irgendwann wieder in Südafrika leben?

Chris: Auf alle Fälle! Ich fahre jedes Jahr mindestens einmal hin, um entweder mit der Band zu spielen oder um ein Projekt wahr zu nehmen. Es fühlt sich immer so an, als ob ich an zwei Orten zuhause bin. Ich möchte wirklich gerne irgendwann wieder dort leben. Es ist mein Zuhause und ich bin da aufgewachsen, also wird es immer ein wichtiger Ort in meinem Leben sein!

Sie sagten, dass es wegen der Karriere viel besser ist in London zu leben. Wie empfinden Sie den Trend dort, dass jeder dort Gitarrenmusik macht?

Chris: Ich finde das o.k. Es gibt so viele verschiedene Stile im Moment. Ich mag Gitarrenmusik und wie sie mit anderen Traditionen, zum Beispiel elektronischer Musik, vermischt wird.

Haben sie je daran gedacht mit Schwarzafrikanern Musik zu machen?

Chris: Das habe ich. Doch es ist eine heikle Sache. Ich will nicht die Traditionen von jemand anderem stehlen. Ich bin immer ganz vorsichtig damit, obwohl ich eigentlich dort aufgewachsen bin. Ich denke schon, dass die südafrikanische Musik meiner Tradition nachkommt. Aber viele Leute denken: „Das ist nicht Deine Tradition, also solltest Du dich raushalten!“. Sie denken, mein kultureller Hintergrund liegt in Europa, auch wenn ich da aufgewachsen bin. Ich fühle mich sehr südafrikanisch, auch wenn ich weiß bin. Ich würde die traditionelle Musik nicht benutzen, weil sie exotisch klingt. Ich will einfach mein Ding machen. Ich glaube, dass südafrikanische Elemente in meiner Musik vorhanden sind.

Was ist ihr nächstes Ziel?

Chris: Wir werden das Album in kürze hier und in ganz Europa veröffentlichen und wir planen eine Europatour. Wir wollen also auch in Deutschland auftreten. Wir werden auf alle Fälle auf der Popkom im September spielen und dann hoffentlich vorher schon ein paar Shows gespielt haben. Das alles organisieren wir im Moment!

Haben Sie private Ziele?

Chris: Im muss mehr an meiner Doktorarbeit arbeiten.

Was machen sie mit dem Doktortitel?

Chris: Ich unterrichte bereits, allerdings nur einmal die Woche. Das ist ausreichend für mich. Nur als Lehrer zu arbeiten würde ich nicht wollen.  Es geht mir nicht so sehr um den Titel. Es geht mir mehr um die Arbeit, die meinen Geist am Leben erhält. Es ist einfach spannend, sowohl theoretisch als auch praktisch an Musik mit jeder Faser meines Körpers zu denken, also nicht nur geistig, sondern auch physisch…


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