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Kosheen
"Damage"
VÖ 16.03.2007

Wie war es denn in Wales aufzuwachsen?

Sian: Es war toll. Wir hatten zwar nicht sehr viel Geld, aber es war sehr viel Liebe um mich. Mein Großvater war Pianist und Musiklehrer. Wir hatten ein Klavier im Vorzimmer. Alles drehte sich um Musik. Ich habe sogar in der Kirche gesungen und begleitete meinen Großvater in die Seniorenheime der ehemaligen Bergarbeiter. Wir haben für sie gesungen. Ich hatte eine wunderbare Kindheit! Wenn ich zurückblicke, war es komisch und zugleich eine unglaubliche Zeit, Zeit, die ich mit vor allem mit ihm verbrachte.
Er war ein außergewöhnlicher Mann. Meine ganze Familie war sehr musikalisch und alle wollten mir Klavier beibringen. Doch ich war sehr verträumt, sang meine Lieder und guckte lieber aus dem Fenster. Mein Großvater erkannte das sehr schnell und unterstützte mich, gab mir einfach die Chance zu singen.

Wie hast Du Dich entschlossen Sängerin zu werden?

Sian: Diese Entscheidung wurde mir quasi abgenommen. Als ich ungefähr 15 oder 16 Jahre alt war, überlegte ich, was ich mit meinem Leben anfange könnte, denn ich wollte mich auf etwas konzentrieren. Nur wenn man sich auf etwas zu 100 % konzentriert, wirst Du damit erfolgreich sein, so viel war mir klar. Ich wollte eigentlich Schauspielerin, doch ich begann bald in verschiedenen Bands zu singen. Alles lief blendend! Meine erste Band spielte Reggae. Ich war bei unserem ersten Auftritt vermutlich die einzige Weiße im Club! Alle anderen Bandmitglieder waren große Rastafaris, vor denen ich anfänglich sogar Angst hatte. (lacht) Heute sind alle gute Freunde von mir…

Wie kamst Du den zu einer Reggae Band?

Sian: Na, ich lebte in einer großen Stadt, in Cardiff und ich sang. Dort geht es einfach ein bisschen multikultureller zu. Ich sang für eine Jazzband namens Strange Fruit. Andy Moore machte diese Musik, die eigentlich ohne Gesang war. Ich nutze meine Stimme wie ein Instrument (macht es vor), was ein phantastisches Training für mich war! (singt weiter) Es gab keine Texte…

Hast Du je Gesangsunterricht genommen?

Sian: Nicht wirklich, denn mein Großvater hatte mir viel beigebracht, vor allem die Basis wie Atemtechnik. Ich hab mal ein paar Stunden am Royal College of Music and Drama genommen. Das konnte ich mir ziemlich schnell nicht mehr leisten. Ich würde nicht sagen, dass ich eine klassisch ausgebildete Sängerin bin, aber ich weiß wie ich atmen muss und wie ich meine Stimme einsetzen kann. Manchmal ist es gar nicht so gut jemanden stimmlich auszubilden. Wenn Du eine Stimme übertrainierst, dann nimmst Du unter Umständen alles Individuelle heraus. Ich denke ich habe eine sehr individuelle Stimme… Die will ich beibehalten!

Wie trainierst Du dann Deine Stimme?

Sian: Ich coache sogar und habe schon mehrere Workshops gegeben. Ich mache kein klassisches Training. Ich helfe den Leuten ihre Stimme zu erforschen. Jeder hat eine Stimme und jeder kann lernen sie ein zusetzten. Es ist wunderbar, wenn man seine eigene Stimme lernt zu beherrschen, wenn du auf einen Berg gehen und auch noch dazu singen kannst. Die Geräusche, die du machst, sind gut für dich. Du erforscht deine Stimme und bist dann nicht nur in der Lage zu singen. Ich rede nicht davon, eine berühmte Sängerin zu werden, sondern davon, wie man sich selber kennen lernt. Sogar deine Stimme bei gesprochener Sprache wird perfekter, selbstbewusst. Du kannst in der Öffentlichkeit singen, du kannst Die Worte, die aus dir herauskommen, trainieren. Es ist ein tolles Erlebnis jemanden zu sehen, dem immer gesagt wurde, er könne nicht singen. Eigentlich ist es fast so, als ob man der Natur etwas zurückgibt. Im Moment genieße ich es mit jungen, einfachen Leuten zu arbeiten. Es ist wundervolle. Ich muss nichts vorbereiten oder einzustöpseln. Die Stimme ist einfach da, sie begleitet Dich überall hin. Erst letzte Nacht war eine Freundin von mir zu Besuch und wir haben uns zum Musical ‚Westside Story’ die Lunge aus dem Leib gesungen! Womöglich klang es wie lautes Katzengejammer, aber für uns war es phantastisch!

Kosheen war sehr erfolgreich mit dem ersten Album ‚Resist’, aber auch mit dem zweiten ‚Kokopelli. Warum dauerte es so lange bis dieses Album herauskam?

Sian: … Als Kokopelli herauskam, tourten wir immer noch mit ‚Resist’! Wir wollten einfach auch mal unser Privatleben genießen... Ich hatte endlich mal wieder Zeit für meinen Sohn… Wir hatten die Muse uns um unsere Kompositionen zu kümmern…

Hört Dein Sohn Euere Musik?

Sian: Er hat was auf seinem iPod und ich denke, er hört sich das an wenn ich nicht dabei bin. Er hat ohnehin eine sehr erlesene Sammlung auf seinem iPod, Sachen, auf die Du niemals kommen würdest! Ich bin echt stolz auf ihn… auch wenn ich nicht wissen will, woher er all die Sachen hat…

Wovon handeln Deine Songs?

Sian: Alle meine Songs recyceln meine persönliche Historie, Geschichten die ich selbst erlebt habe, die man sich nicht wirklich ausdenken kann, Geschichten, die meine Freunde erlebt haben. Ich versuche eine Sprache zu verwenden, die jeder versteht, mit der sich jeder identifizieren kann und der jeder seine eigene Bedeutung verleihen kann, so als ob es sein eigener Song wäre. Wenn ich über Liebe singe, dann kann das 100 verschiedene Bedeutungen für 100 verschiedene Leute haben. Ich glaube es gibt sehr viele Interpretationsmöglichkeiten für die Songs.

Erzähl mir doch bitte vom Song „cruel heart“?

Sian: „Cruel Hart“ ist, so glaube ich, in gewisser Weise in erster Linie die Sicht auf meinen Sohn. Es könnte aber auch der Sohn von jedem anderen sein, jemands Bruder oder Cousin. Die Intension ist, in jemanden zu gehen, jemanden zu verstehen und jemanden zu öffnen…

Was bedeutet der Song „same ground again“ für Dich?

Sian: In „Same ground again“ geht es darum wie Dinge verändert werden und sich verändern. Bestimmte Begebenheiten passieren einem immer wieder und gewisse Probleme kommen immer wieder zurück, so lange, bis Du dich mit ihnen auseinandersetzt. Ich habe den Song strukturiert wie eine Beziehungskiste. Immer wenn wir zu schwach werden, dann passiert es immer wieder. Dumm wie wir sind, lassen wir immer das Selbe mit uns machen… aber es wird sich so lange nichts ändern, bis wir selber daran etwas verändert haben.

Wieso ist der Song „damage“ der Eingangssong der CD, obwohl er der dusterste ist?

Sian: Er ist sozusagen die Einleitung für das Album. Der Song ist von Mark und Darren perfekt arrangiert, wie ein Dinosaurier, wie Godzilla stürmt er in Dein Wohnzimmer. Wie aus der Dunkelheit kommt dann das Keyboard und leitet über in den nächsten Song, der ins Licht führt...

Trotzdem könnte man sagen, das Album klingt traurig. Seid ihr traurig?

Sian: Nein! Wir sind Künstler. Ich kann kochen und dabei singen und komponieren. Mein ganzes Leben ist diesem kreativen Prozess gewidmet. Nur deshalb kann ich die Achterbahn des Lebens so erfahren und in Songs umsetzen. Ich finde das sehr heilsam, ich glaube, das ist meine Katharsis. Aber trotzdem hat es nichts mit Egoismus zu tun. Ich lasse die Musik einfach raus. Sie kann als traurig, glücklich oder was immer Du willst interpretiert werden. Ich weiß was sie für mich bedeutet und was danach kommt, gehört nicht mehr zu mir!

Was hat Dich zu dem Song „like a book“ inspiriert?

Sian: Ich glaube, Mark und Darren! Die beiden können mich tatsächlich wie ein Buch lesen und das können nicht sehr viele Leute. Ich glaub ich bin ein mysteriöser Charakter und die beiden verstehen mich sehr gut! Findest Du nicht, dass das ein sehr positiver Song ist? (singt)

Wie sieht ein normaler Tag bei Dir aus?

Sian: … Ich hab ein ganz normales Leben wie jeder andere auch…. Ich habe nicht viel Zeit…, um in den Schönheitssalon zu gehen… Vermutlich bin ich nicht unbedingt die durchschnittliche Popsängerin…

Wie sieht denn ein durchschnittlicher Popsänger für Dich aus?

Sian: Vermutlich bürsten sie ihre Haare um diese Tageszeit (ca. 15:30 Uhr) oder unterziehen sich eine face lift. Ich laufe hier mit meinen Slippers rum und mein Haar ist ungekämmt. Ich bin sehr geerdet. Ich habe immer dieselben Freunde und lebe im gleichen Viertel. Durch meinen Sohn bin ich einfach auf dem Boden geblieben…

Würde sich Dein Leben durch einen Grammy oder viel Geld ändern?

Sian: Das wäre ja toll! (lacht) Aber ich glaube nicht, dass sich noch mehr ändern würde. Es war immer schon so, je populärer unser Album „Resist“ wurde, umso mehr mussten wir arbeiten und umso länger war ich von meiner Familie getrennt. Wenn ich könnte, dann würde ich das ändern. Durch die letzen Jahre ein bisschen besser organisiert. Inzwischen weiß ich oft schon was als nächstes ansteht und kann mich entsprechend vorbereiten. Ich würde sehr sehr gerne Kosheen auch nach Amerika bringen. Wir hoffen das Album dort zu veröffentlichen, denn unsere Fangemeinde dort wächst. Dieses Album wäre perfekt dafür geeignet. Unser Album ist sehr atmosphärisch. Vielleicht wäre es sogar für einen Filmsoundtrack geeignet. Vielleicht ist das der geeignete Weg, um über den großen Teich zu gehen...

Bevor ihr aber über den großen Teich geht, werden wir Euch hier in Deutschland sehen!

Sian: Ja! Und wir beiden können dann zusammen eine Singstunde halten!

Ich freu mich drauf!

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