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Travis
"The Boy With No Name"
VÖ 04.05.2007

Wieso stehen Sie denn so früh auf?

Andy: Ich habe einen 15 Monate alten Sohn, da ist das normal! Ich stehe inzwischen immer um 6:30 Uhr auf. Die Zeiten ändern sich. Nur deshalb bin ich schon auf den Beinen! (lacht)

Das letztes Travis Album „12 Memories“ kam 2003 heraus. Warum dauerte es so lange für dieses?

Andy: Dafür gibt es tatsächlich viele Gründe. Wir waren mit „12 Memories“ sehr lange auf Tour. Danach waren wir alle etwas müde und wollten einfach mal ausspannen. Wir suchten nach neuen Inspirationen. Einige von uns wollten sich auch um Ihre Familie kümmern. Wenn man sein erstes Album herausbringt und um die 20 ist, dann lebt man in einer Seifenblase und nur für dieses eine Album. Dann ist der Tourbus dein Zuhause und alles ist prima. Später ist das alles nicht mehr so rosig. Man braucht ab und an eine Pause um neue Energie und neue Ideen zu schöpfen. 

Wie alt sind sie denn?

Andy: Ich habe heute Geburtstag und werde 54! (lacht)

Wirklich? Meine herzlichen Glückwünsche. Alle Bandmitglieder von Travis haben inzwischen Familie und sind nicht mehr die jungen wilden Bilderbuch-Rock’n’roller. Was hat sich entscheidendes verändert?

Andy: Na ja, das Bandleben hat sich schon ein bisschen gewandelt. Aber ich denke, wir selbst überhaupt! Musikalisch sind wir gewachsen. Wir sind dieselbe Band, die wir von Anfang an waren und wir sind uns dessen sehr wohl bewusst. Das Leben von Rockstars im Tourbus, die sich die Nächte um die Ohren schlagen, das haben wir auch eine Weile lang gemacht und es war cool. Doch das so genannte Rock’n’roll-Leben hat sich seit der 70er Jahre  generell sehr verändert.

Was ist denn dann der Unterschied zwischen gestern und heute im Leben eines Rock Musikers?

Andy: Heute kann man hinter die Kulissen schauen. Früher war das Leben eines Rockmusikers etwas mystisches, dunkel und gefährlich. Heute können wir dank Internet und auch Fernsehen hinter die Kulissen schauen. Du kannst als Band einen Blog haben und Deinen Fans ständig von deinem Leben erzählen…

Hat Travis einen Blog?

Andy: Nein J Wir haben keinen Blog. Am Ende des Tages könnten wir doch einiges aufschreiben aber es ist doch langweilig! Das Internet ist fantastisch für so viele verschiedene Dinge. Es hat aber auch die Mystik für so vieles weggenommen.
Trotzdem haben wir eine „myspace“ Seite, auf der wir einen Track eingestellt hatten, bevor er herauskam. Wir gucken jeden Tag nach, um zu sehen, was die Leute davon halten. Im Internet kann man wirklich viele tolle Sachen machen, aber es hat auch einige Dinge entmystifiziert.

Haben Sie eine Website und hat die Band auch eine?

Andy: Die Band hat eine eigene Website, in die wir mehr und mehr miteinbezogen werden. Ich selber nutze das Netzt vor allem für Informationen und um zu sehen was über uns geschrieben wird.

Auf myspace haben viele Bands eine site, die aber nicht von ihnen gepflegt wird. Sie haben viele Tausend Freunde und reden aber nicht mit ihnen. Wie ist das bei Travis?

Andy: Wir versuchen unseren Freundeskreis sehr limitiert zu halten und wir antworten den Leuten auch persönlich. Ich denke, dass myspace korrupt geworden ist. Die Plattenfirmen kaufen Fans und schicken Teams, um Freunde zu werden. Das ist eigentlich traurig. Sechs Monate lang war myspace wirklich eine coole Sache! Inzwischen wurde von vielen erkannt, dass man auf diesem Wege sehr viel Geld machen kann… Aber ich glaube, es wird etwas Neues geben, das weniger korrupt sein wird. Es ist wie mit allen Bewegungen. Sogar Punk war nur sechs Monate wirklich autark. Danach war Geld im Spiel und es war vorbei damit.

Aber Punk war doch eine wirklich starke Bewegung, die im Moment sogar wieder aufblüht?!

Andy: Verstehen Sie mich nicht falsch. Punk ist eine große Bewegung, aber der Ursprung war eine Rebellion, die nur sechs Monate anhielt. Danach war es schnell verkommerzialisiert. In London, wo alles anfing, war nach sechs Monaten alles zu Normalität geworden.

Haben Sie sich je mit Punk befasst?

Andy: Natürlich! Als ich Teeny war, bin ich sehr zornig gewesen. Mir blieb gar nichts anders übrig, als mit Punk zu sympathisieren. Mit 15 bist du ziemlich durch den Wind und musst zusehen, wie es weitergeht. Da bist du beinahe dazu verpflichtet, eine Revolte anzuzetteln. Ich habe immer noch einen Heiden Respekt vor Punk und das Leben Drumherum.

Welche Inspirationen sind denn in die Songs von dem jetzigen Album eingeflossen?

Andy: Dieselben Themen, die uns immer wieder beeinflussen. Partnerschaft, Liebe, Familie. Es geht eigentlich um die alltäglichen Dinge, die dich berühren und betreffen. Wir denken uns nicht krampfhaft Zeug aus. Es ist vielmehr so, dass einer von uns mit einem Kumpel spazieren geht und plötzlich erkennt, dass das die beste Freundschaft ist, die man je hatte. Meist passieren solche Sachen, wenn man an einem Wendepunkt ist. Solche Ereignisse und Erlebnisse fließen dann in die Songs ein, aber es ist wirklich schwierig zu erklären, wie sehr einen das alltägliche Leben inspiriert.

Wie kam der Titel des Albums zustande?

Andy: Der kam durch Frannie’s Baby. Als er Vater wurde, konnten sich er und seine Frau für keinen Namen entscheiden. Also hieß er „der Junge ohne Namen“ – The boy with no name. Wir fanden, dass der Titel sehr gut passte. Wieso sie den Buben letztendlich den Namen „Clay“ gaben, das dürfen Sie mich nicht fragen.

Worüber geht es in dem Song „selfish Jean“? Wer war sie?

Andy: Es geht eigentlich nicht um eine konkrete Person namens Jean, vielmehr steht sie für viele Beziehungen, die es da draußen so gibt. Wir mochten den Titel als Synonym für Leute, die sich zusammengerauft haben.

Travis waren mit Brian Eno im Studio. Wie war das für Sie?

Andy: Oh ja, er war zwei volle Tage mit uns im Studio und wir spielten eine Session nach der anderen. Wir hatten gerade mit dem Album angefangen und wussten nicht genau wo es hingehen sollte. Wir hatten wohl alle ein bisschen Angst davor. Uns war nicht wirklich klar, ob wir noch mal ein Album machen könnten, ob wir etwas zu geben und zu erzählen hätten. Durch Brian wurde uns klar, dass wir definitiv ein neues Album hinbekommen würden. Er war nicht direkt in der Produktion des Albums involviert. Er war vielmehr Spaß- und Inspirationsquelle für uns, ohne dass wir eine großartige Erwartungshaltung gehabt hätten. Wir machten einfach zwei Tage lang mit ihm tolle Musik. Danach haben wir dann an unseren Songs sehr hart gearbeitet.

Es waren auch noch weitere Freunde von Euch bei der Produktion dabei. Welche Rolle spielte zum Beispiel Ben Stiller?

Andy: Er spielte die Kuhglocken auf einem Track. Der ist aber nicht auf dem Album. Ich denke, wir werden den Song irgendwann mal veröffentlichen. Ben ist ein Freund von uns. Er ist sozusagen im Studio vorbeigeschneit. Wir sagten ihm, er sollte einfach mal mitmachen und dann sehen wir schon was dabei herauskommt. Er ist ein cooler Typ, wir mögen ihn sehr und er mag unsere Musik.

Was halten Sie von der neuen Bewegung der Gitarrenbands in der britischen Musik?

Andy: Ich finde das prima! Bei einem richtigen Song mit richtigen Texten und Instrumenten kann ich mitfühlen, der berührt mich unter Umständen und es tut gut zuzuhören. Es wurde Zeit, dass wieder richtige Songs geschrieben werden. Es sollte noch viel mehr in diese Richtung passieren. Ein cooler Song, der etwas zu erzählen hat, macht einfach Spaß und weckt Emotionen. Es macht eigentlich keinen Unterschied of es Punk, Dance oder Rock ist. Der Song sollte nur etwas zu sagen haben.

Im Moment schießen die Bands wie Pilze aus dem Boden. Wie sieht es um die Qualität des song-writings aus?

Andy: Das war doch schon immer so. Es gab gute und schlechte Bands. Es ist einfach, zurückzublicken und zu behaupten, dass es in den 70ern viel besser war und es zu der Zeit zehn tolle Bands gab. Aber tatsächlich gab es auch damals tausende von Bands, die nur keinen interessierten, die es nicht über die Zeit hinweg zu einem großen Bekanntheitsgrad geschafft haben. Die, die großartig waren, blieben ganz oben, die anderen werden einfach vergessen. Wir machen es uns zu einfach wenn wir sagen, es gibt so viel schlechte Musik im Moment. In Zehn Jahren wirst du mehr als die hälfte der heutigen Gruppen vergessen haben. Wenn ich mich an die 80er zurückerinnere, da hat mir so viel gefallen. Heute kann ich mich gar nicht mehr an all die Namen erinnern.

Können Sie sich an die Edinburgher Goodbye Mr. Mackanzie erinnern?

Andy: Oh ja, das war einer der ersten Gigs, zu denen ich gegangen bin. Da sang doch Shirley Manson die backing vocals. Sie ist heute die Leadsängerin von der US Band Garbage. Wir haben sie auf verschiedenen Festivals getroffen. Aber die anderen Mitglieder haben wir nie kennen gelernt. 

Travis haben zweimal den Brit Award gewonnen. Hat das Euer Leben verändert?

Andy: Nein, wirklich nicht. Was sollte es verändern? Wir haben einfach weitergemacht wie immer. Es ist schon nett, so einen Preis zu gewinnen, es freut einen. Aber es ist nicht so, dass man sagen könnte, hey wir haben jetzt diese Auszeichnung bekommen und können uns jetzt zurücklehnen und nichts mehr tun.

Es heißt, ohne Travis hätte es niemals Bands wie Coldplay gegeben. Wie stehen Sie dazu?

Andy: Vielleicht ist das ja wirklich so, ich weiß nicht. Wir waren die Wegbereiter. Das klingt sehr lustig. Aber ist es nicht so, dass es ohne gewisse Gruppen auch keine Travis oder Radiohead gegeben hätte? Ohne die Stone Roses hätte es keine Oasis gegeben und so weiter. Das kann man zurückverfolgen bis ins Unendliche. Musik entwickelt sich und kehrt immer wieder.

Können Sie mir ein bisschen mehr von dem Song „eyes wide open“ erzählen?

Andy: Frannie war mit der Idee und einem Thema angekommen. Wir haben uns dreimal im Studio getroffen und immer wieder daran gearbeitet. Es war kein leichter Song. Durch ihn kamen wir aber zu „selfish Jean“ und er brachte uns auch bei anderen Songs weiter. Wir wollten ein bisschen was von The Cure abkupfern. Kennen Sie den Song „the forest“ von The Cure? Wir wollten diese Drums haben.

Worüber geht’s in „battleship?

Andy: Wieder geht es um Beziehungen, um „relationships“. „Battleships“ ist einfach ein anderer Name dafür. Es geht darum, was manchmal in Beziehungen passiert. Es wird gestritten und gelogen.

Fran unterstützt eine Organisation, die sich „Make-Poverty-History“, Armut soll Geschichte werden, nennt. Was tut er für sie?

Andy: Er unterstützt sie auf Veranstaltungen. Die Organisation ist vergleichbar mit „Live Aid“. Wir haben in London ein paar Mal für sie Konzerte gegeben. Sie wollen einfach nur auf Armut aufmerksam machen und versuchen sie zu mindern. Es gibt tatsächlich die Möglichkeit. Live Aid hat es vorgemacht. Musiker können dazu ihren Teil beitragen, dazu, dass es weniger Armut auf der Welt geben wird.

Würden Sie das Land, in dem Sie leben und das zurzeit in einen Krieg verwickelt ist, kritisieren?

Andy: Wir sind keine politische Band. Wenn einen von uns was stört, dann ist das seine persönliche Angelegenheit. Aber der Krieg hat uns alle angeödet. Wir waren an einem Friedensmarsch in Glasgow beteiligt, weil wir dagegen sind. Es waren tausende von Menschen dabei, sowohl in Glasgow als auch in London. Inwieweit diese Leute politisch sind, kann ich nicht beurteilen. Ich denke, jeder von ihnen und von uns hat mitgemacht, weil es für uns eine Herzensangelegenheit war, keine Kopfsache. Wir wollten alle zusammen die Bremse reinhauen. Wir waren wütend und wir haben versucht etwas gegen den Krieg zu tun, ohne wirklich involviert zu sein. Aber wissen sie was? Es hat überhaupt nichts gebracht.

„New Amsterdam“ ist ein Song über New York. Was ist für Sie der Unterschied zwischen Glasgow, London und New York?

Andy: Frannie hat eine Weile in New York gelebt und so ist der Song vor allem durch ihn inspiriert. Als Teenager war es einfach für uns, Glasgow und seine Vorzüge als selbstverständlich hinzunehmen, weil wir dort aufgewachsen sind. Wir leben inzwischen seit über zehn Jahre in London und erkennen nun warum Glasgow eine so schöne Stadt ist. Wenn man in einer Stadt lebt, vergisst man das oft. Die Leute machen Glasgow aus. Sie sind warmherzig, lustig und ehrlich. Ich würde vielleicht sogar wieder dort leben wollen. Das dumme ist nur, dass die Plattenindustrie in London ist. Das macht dort alles viel einfacher für uns. London ist deshalb so großartig, weil die Leute hier her kommen um etwas zu schaffen. Wenn Du einen Traum hast, dann gehst du nach London, denn da kannst du ihn verwirklichen.

Warum gehen Menschen nach New York?

Andy: Weil es eine unglaubliche Stadt ist. Durch unsere Musik sind wir in der glücklichen Lage reisen zu können und viele unterschiedliche Orte zu sehen. Da passiert es manchmal, dass man in eine Stadt kommt und denkt: oh nein, nicht schon wieder hier. Wenn ich nach New York komme, ist es jedes Mal anders und aufregend. Diese Stadt scheint niemals öde zu werden. Immer wieder passiert es mir, dass ich denke, ich bin zum ersten Mal da. Trotzdem, ich liebe London, denn ich lebe hier und ich liebe alles, was mir diese Stadt gegeben und mir zu bieten hat. Ich liebe auch Glasgow, denn meine Familie und auch viele Freunde von mir leben dort.




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